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Automatische Stabilisatoren PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Stephan Reichert   
Freitag, 12. Februar 2010

Der Begriff „automatische Stabilisatoren“ findet in der  Stabilisierungs­politik Verwendung. Die automatischen Stabilisatoren (built-in-flexibility) gehen von den öffentlichen Haushalten und stehen im engen Zusammenhang mit der Ausgestaltung des Steuer- und Transfer­systems. Wirtschaftspolitische Effekte, die die Konjunktur ohne besondere Maßnahmen, beispielsweise seitens der Politik, dämpfen oder stimulieren werden in der volkswirtschaftlichen Literatur als automatische Stabilisatoren bezeichnet. Die Wirkungsweise der automatischen Stabilisatoren lässt sich beispielsweise an der Arbeitslosenversicherung oder dem System der Einkommen- und Körperschaftssteuer veranschaulichen.

In einer Hochkonjunktur steigen die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung an, da mehr Menschen in dieser konjunkturellen Phase versicherungspflichtiger Beschäftigung nachgehen. Zugleich sind Auszahlungen aus der Arbeitslosenversicherung rückläufig. Kurzum: das Beitragsaufkommen steigt, während zeitgleich die Unterstützungszahlungen abnehmen. In einer Rezession funktioniert dieser Wirkungszusammenhang in entgegen gesetzter Richtung. Das Beitragsaufkommen ist rückläufig, während die Unterstützungszahlungen steigen. Die Arbeitslosenversicherung, als automatischer Stabilisator, entfaltet Ihre stabilisierende Wirkung sowohl auf der Einnahmen- als auch auf der Ausgabenseite im Budget der Bundesagentur für Arbeit (BA).

Ein weiterer automatischer Stabilisator stellt das System der Einkommen- und Körperschaftssteuer dar. In einer Abschwungphase kommt es ohne weiteres aktives Einwirken zu einer Verminderung der Steuerbelastung. Personen und Körperschaften müssen weniger Steuern zahlen, da im wirtschaftlichen Abschwung auch ihr Einkommen sinkt. Umgekehrt nimmt die Steuerlast zu, wenn in einer konjunkturellen Aufschwungphase die Einkommen steigen. Die progressive Tarifgestaltung der Lohn- und Einkommensteuer verstärkt diesen Effekt weiter. Durch diese Charakteristika stabilisiert das System der Einkommen- und Körperschaftssteuer automatisch den konjunkturellen Verlauf.

Die automatischen Stabilisatoren reduzieren zeitliche Verzögerungen in der Stabilisierungspolitik. Schließlich greifen die Stabilisatoren ohne das es durch das so genannte inside lag zu einer zeitlichen Verzögerung (time lags) der Wirkung kommt. Als inside lag wird in der makroökonomischen Literatur die Zeit zwischen dem Auftreten eines volkswirtschaftlichen Schocks und einer daraufgerichteten wirtschaftspolitischen Reaktion verstanden. Damit umfasst das inside lag vier Phasen: die Wahrnehmungs-, die Beurteilungs- und die Entscheidungsphase bis zur Durchführung von wirtschaftpolitischen Maßnahmen in der Einsatzphase.
An dem Konzept der automatischen Stabilisatoren wird in der Finanzwissenschaftlichen Literatur auch Kritik geübt. So kann es steuertechnisch bedingt zu Zeitverzögerungen zwischen der Erfüllung des Steuertatbestandes und der Steuerzahlung kommen. Als Beispiel hierfür kann das oftmals zeitintensive Steuerveranlagungsverfahren bei der Einkommenssteuer dienen. Dadurch wird die Wirkung der Einkommensteuer als automatischen Stabilisatoren beschränkt. Des Weiteren werden konjunkturelle Störungen oftmals nicht unmittelbar festgestellt. In der Wahrnehmungsphase kann die konjunkturelle Störung ggf. nur verspätet festgestellt werden. Dadurch werden im folgendem zum Beispiel Lohnanpassungen oder Maßnahmen der Personalpolitik in Unternehmen mit erheblichen zeitlichen Verzögerungen durchgeführt. Dies kann im Extremfall zu einer prozyklischen Wirkung der automatischen Stabilisatoren beispielsweise über die Lohn- und Einkommensteuer oder die Arbeitslosenversicherung führen.(SR)

 

Quellen:

In der finanzwissenschaftlichen Literatur werden noch weitere Kritikpunkte am Konzept der built-in-flexibility erörtert. Eine Übersicht hierüber bietet u.a. Dickertmann, D.; Gelbhaar, S.: Finanzwissenschaft – Eine Einführung in die Institutionen, Instrumente und ökonomischen Ziele der öffentlichen Finanzwirtschaft, Berlin 2000, S. 268 f.

Scheremet, W.: Automatische Stabilisatoren, fiskalpolitische Schocks und Konjunktur : eine vergleichende für Deutschland und die USA, Berlin 2001.

Simon, S.: Automatische Stabilisatoren, in: Das Wirtschaftsstudium, Bd. 38, H. 8/9 2009, S. 1101.

Mankiw, N. G.: Makroökonomie, 4. Aufl., Stuttgart 2000, S. 423 f.

Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Hrsg.): Die Finanzkrise meistern – Wachstumskräfte stärken, Jahresgutachten 2008/09, Wiesbaden 2008, S. 145 ff.

 
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